Interview mit Stefanie Kerner: Interkulturelle Zusammenarbeit – Eine Praktikantin für Boboyo

Bei dem Projekt „Eine Vorschule für Boboyo“ kooperiert ident.africa e.V. mit der Universität von Maroua, Institut du Sahel, und der Architekturfakultät der RWTH Aachen. Der regelmäßige Studentenaustausch ist für das Projekt ein großer Gewinn. Die interkulturelle Zusammenarbeit fördert Kreativität, führt zu neuen Ideen und bringt unterschiedliche Kulturen zusammen. Für Architektur Studentin Stefanie Kerner von der RWTH Aachen hat ident.africa ein dreimonatiges Praktikum in Kamerun möglich gemacht. Über ihre Arbeit und das Leben in Kamerun spricht sie in einem persönlichen Interview:

Wie sind Sie auf ident.africa aufmerksam geworden?
Über das Projekt an der Uni „Eine Vorschule für Boboyo“. Ich fand den Ansatz für einen Experimantalbau in Kamerun spannend und habe von Kommilitonen von den Versuchsbauten in Maroua gehört. Dann gab es einen ersten Koordinationstermin im Lehrstuhl Denkmalpflege, an dem der konkrete Bauablauf in Boboyo besprochen wurde, in diesem Zusammenhang ist auch ident.africa e.V. aufgetaucht.

Wann wussten Sie, dass sie nach Kamerun reisen wollen?
Eigentlich direkt nach diesem ersten Treffen. Die Bilder von den Studenten, die die Versuchsbauten errichtet haben, haben mich gereizt und da ich schon nach dem Abi nach Afrika wollte, dachte ich mir ist das sicher der richtige Weg, um dort auch mit meinen Kenntnissen als Architekturstudentin etwas Sinnvolles anzustellen.

Wie sind Sie vor Ort aufgenommen worden?
Unglaublich herzlich. Ich bin die meiste Zeit bei Erics Familie in Maroua untergekommen und ich habe mich da so akzeptiert und integriert gefühlt wie jedes Mitglied der großen Familie. Auch im Büro war ich direkt mitten drin und dabei und bei Mama Marie in Boboyo sowieso.

Was haben Sie in Kamerun genau gemacht?
Ich habe in dem Architekturbüro von Taybe Nagba als Praktikantin mitgearbeitet.

Erzählen Sie von Ihrem Arbeitsalltag in Kamerun – wie war er?
Nie langweilig. Ich hatte Bürotage, an denen ich wie jeder andere Kameruner auch morgens mit dem Moto zur Arbeit fuhr, Pläne gezeichnet habe und meine kleinen Exkursionen aufgearbeitete habe.
Die Exkursionen in den Norden der Region habe ich im Namen des Büros mit weiteren Mitarbeiten unternommen. Meine Hauptaufgabe dabei war, die unterschiedlichen Bautypologien der verschiedenen ethnischen Gruppe im Norden Kameruns zu dokumentieren. Mit Zeichnungen und Texten dazu habe ich bis zum Ende meines Aufenthaltes eine ca. 80 seitige Zusammenstellung gebastelt.

Wie waren die Wohnbedingungen?
Ich habe in Maroua im dem Haus von Fred-Eric Essams Bruder gewohnt. Im Vergleich zu den Slum-artigen Siedlungen, denen man im ganzen Land begegnet, ist Maroua als viert größte Stadt Kameruns schon sehr urban. Das Haus an sich bestand aus einer Küchenbaracke, einem Hof und einem Gebäude mit Bad, zwei Schlafzimmern und einem großen Wohnraum mit Kühlschrank. Kiki, ein 3- Jähriger und seine Mutter Tunne teilten mit mir ihr Schlafzimmer, während Olivier sich nachts beispielsweise im Wohnraum ausbreitet. Im Badezimmer gab es eine Dusche mit fließend Wasser und eine Toilette mit Eimer-Spülung, was für die dortigen Verhältnisse recht luxuriös ist.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Kamerun und Deutschland (Kultur, Ernährung, Freizeit)?
Gutes Essen und Trinken hat bei den Kamerunern einen weitaus größeren Stellenwert als bei uns. Fleisch und Fisch gehören in jede Mahlzeit und gelten als Statussymbol; wer bei den Mahlzeiten in Kamerun nicht satt wird ist selber schuld. Auch Feste werden gefeiert wie und egal woher sie kommen, ob Muslime oder Christen, alle feiern zusammen.
Vom Prinzip her sind die Kameruner sehr viel gemächlicher als wir Europäer und nicht selten gilt das Motto „Kommste heute nicht kommste morgen“, was mich am Anfang einiges an Nerven gekostet hat. Erstaunlich fand ich auch, dass viel Kameruner neben dem Fussball kaum so richtige Hobbys haben. Freizeit heißt, Zeit mit der Familie oder vor dem Fernseher zu verbringen. Manches Mal kam es so vor, als seien die Einheimischen einfach zu träge um Augen für die Schönheit und die Sehenswürdigkeiten ihres Landes zu haben.

Gab es besondere Erlebnisse während Ihrer Zeit in Kamerun? Hat Sie etwas überrascht? Hat Ihnen etwas besonders gut gefallen? Hat Sie etwas schockiert?
Eigentlich würde ich meinen gesamten Aufenthalt dort als ein großes besonderes Erlebnis bezeichnen. Eine Sache, die mich doch mit am tiefsten bewegt hat ist die, dass man als Weiße, dort doch noch extrem auffällt. Natürlich kennen die Kameruner die Filme aus dem französischen Fernsehen, aber gerade in den abgelegeneren Ortschaften kamen öfter Kinder neugierig auf mich zu und haben mich angefasst, um zu sehen ob die weiße Körperfarbe auf sie abfärbt oder aber sie versteckten sich hinter ihren Müttern aus Angst vor der weißen Frau. Eine weiter Sache ist die unglaubliche Gastfreundschaft der Menschen in Kamerun, sie teilen das Wenige was sie haben liebend gerne mit Anderen.

Planen Sie eine weitere Reise nach Kamerun?
Ja, ich werde bereits kommenden Monat, im November 2013 mit einer Gruppe von Studenten aus Aachen wieder nach Boboyo fliegen um da an der „Ecole maternelle“ weiter zu bauen.

Wollen Sie auch künftig die Projekte von ident.africa unterstützen?
Ich denke, in dem ich tatkräftig an dem Schulbau vor Ort mitarbeite, leiste ich zum jetzigen Zeitpunkt in dem mir möglichen Rahmen zumindest einen kleinen Beitrag zu den Projekten von ident.africa. Ich erhoffe mir mit diesem Pilotprojekt bei der Bevölkerung eine größere Akzeptanz für ihre traditionellen Baumaterialien und Baustile zu schaffen, was auch Anreiz für eigene Projekte im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe sein kann.

Stefanie Kerner hat auch ihre persönlichen Erlebnisse in einem Reisebericht zusammengefasst.

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